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Fähigkeitenschmiede

 

Während meines Studiums und meiner Ausbildung zum Psychotherapeuten habe ich zahlreiche unterschiedliche Ansätze zur Erklärung und Behandlung psychischer Symptome kennengelernt. 


Dabei haben mich mehrere Dinge irritiert: die Vielzahl unterschiedlicher Therapieansätze trotz vergleichbarer Wirksamkeit (nämlich mittelmäßig), die teilweise sehr komplizierte Fachsprache, die weitgehende Abwesenheit einer spirituellen Dimension in vielen Modellen sowie die schnelle Empfehlung von „mehr Abgrenzung“ und „Self-Care“ (und die Beobachtung, dass das gar nicht so viel hilft!). Hinzu kam meine Beobachtung, dass viele Kolleginnen und Kollegen selbst nicht besonders gesund wirken – was die Frage aufwirft, welche Aussagekraft eine Medizin hat, die der Arzt selbst kaum anwendet.


Durch Gespräche und Reflexionen mit Wegbegleitern formte sich der Gedanke in mir, dass es bei mentaler Gesundheit im Kern eigentlich um Fähigkeiten geht – und nicht primär um Konflikte, Einsicht oder die Veränderung von Gedanken und Verhalten; Es sind Fähigkeiten, die ein Mensch benötigt, um mit den vielfältigen Wechselwirkungen des Lebens umgehen zu können: etwa die Fähigkeit, Beziehungen einzugehen, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und mitzuteilen, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, Alltagsstruktur aufzubauen oder Lebensziele zu finden und danach zu handeln. Ein Mangel an verfügbaren Fähigkeiten kann entsprechend zur Entstehung oder Aufrechterhaltung psychischer Symptome beitragen.


Psychotherapie kann in dieser Perspektive als eine Art „Fähigkeitenschmiede“ verstanden werden, die im Menschen Fähigkeiten zu entwickeln und zu stärken versucht. Das Besondere am Instrument der Psychotherapie ist die therapeutische Beziehung: In ihr können Fähigkeitsdefizite erkannt, verstanden und schrittweise überwunden werden.


Diese einfache und zugleich elegante Perspektive auf mentale Gesundheit als etwas grundlegend fähigkeitsorientiertes hat mir geholfen, im Dickicht verschiedener Verfahren und Meinungen den Blick für das Wesentliche zu behalten. Auch in meiner praktischen Arbeit mit Patientinnen und Patienten habe ich diese Sichtweise erprobt und wiederholt erlebt, dass die Förderung von Handlungsfähigkeit und Umsetzbarkeit eine wichtige Rolle spielt (zB.: „Welche Fähigkeit hätten Sie in dieser Situation gebraucht?“ oder „Wo haben Sie diese Fähigkeit in Ihrem Leben bereits gezeigt?“.)


Mein Weg zu dieser Betrachtungsweise hat Wurzeln im Bahá’í-Glauben, der jüngsten monotheistischen Weltreligion. Er vertritt ein positives Menschenbild, in dem der Mensch als Träger potenzieller geistiger Eigenschaften verstanden wird, deren Entfaltung einen zentralen Sinn des Lebens darstellt. Weltweit bieten die Bahá’í Bildungsprogramme an, die darauf ausgerichtet sind, menschliche Potenziale freizusetzen und sowohl individuelle als auch gesellschaftliche Entwicklung zu fördern (mehr dazu unter www.ruhi.org).


Aus meiner Begeisterung für diese neue und zugleich sehr alte Perspektive heraus habe ich eine Dissertation an der Medizinischen Hochschule Brandenburg (MHB) zu diesem Thema begonnen. Ziel der Arbeit ist es, Aspekte mentaler Gesundheit aus dem Bahá’í-Glauben herauszuarbeiten und zu konzeptionellen Modellen weiterzuentwickeln. Weitere Details dazu finden sich im Promotions-Exposé. Einige erste Modelle folgen im Anschluss (vorläufige Versionen).

Psychotherapie als Fähigkeitenaufbau

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Das 7-Kräfte-Modell: Die Realität lesen lernen

Das 7-Kräfte-Modell dient zur Analyse der vielfältigen Einflüsse auf die menschliche Entwicklung. So können die Kräfte reflektiert werden, die bestimmten Fähigkeitenaufbau gefördert bzw. gehemmt haben. Es stellt eine Erweiterung des klassischen biopsychosozialen Modells der Medizin (Engel, 1977) dar, indem es dieses um vier essenzielle Dimensionen ergänzt: die kulturelle, spirituelle, behaviorale und strukturelle Ebene.


Es leitet sich aus dem Material der Juniorjugend-Gruppen ab, wo Jugendliche die Fähigkeit üben, ihre Realität zu lesen und über die sie umgebenden konstruktiven und destruktiven Kräfte nachdenken. 



Die sieben Kräfte mit exemplarischen Einflussfaktoren und Reflektionsfragen:


Biologisch: Körperliche Einflüsse 

Beispiele: Genetik, Neuroplastizität, Hormonhaushalt, Ernährung, Schlaf.

Fragen: 

  • Wie reagiere ich körperlich auf Stress oder Belastung (z. B. Muskelanspannung, Schlaf, Magen, Haut)?
  • Gibt es in meiner Familie körperliche oder psychische Erkrankungen, die mich vielleicht mitprägen?
  • Wie erlebe ich meine Energie, Konzentrationsfähigkeit und körperliche Belastbarkeit im Alltag?
  • Wie wirken sich Ernährung, Bewegung und Schlaf auf mein seelisches Befinden aus?
  • Habe ich körperliche Grenzen oder Besonderheiten (z. B. ADHS, Hochsensibilität, chronische Erkrankung), die mein Leben strukturieren?


Psychologisch: Denken und Fühlen

Beispiele: Temperament, Bindungsmuster, Selbstregulation, kognitive Stile, unbewusste Dynamiken.

Fragen: 

  • Welche meiner Persönlichkeitszüge helfen mir im Leben – und welche behindern mich?
  • Wie gehe ich mit intensiven Gefühlen (z. B. Angst, Wut, Scham) um?
  • Neige ich dazu, übermäßig zu grübeln, zu kontrollieren oder mich zu sorgen?
  • Wie ausgeprägt ist meine Fähigkeit zur Selbstreflexion und Selbstregulation?
  • Welche frühen inneren Sätze oder Glaubensmuster leiten mich noch heute („Ich muss stark sein“, „Ich darf nicht wütend werden“)?


Sozial: Beziehungen

Beispiele: Primärfamilie, Partnerschaft, Peer-Group,   Arbeitsklima, soziale Unterstützungssysteme.

Fragen: 

  • Wie war die Atmosphäre in meiner Herkunftsfamilie – eher sicher, unruhig, kontrollierend, distanziert?
  • Welche Rollen hatte ich als Kind (z. B. Vermittler, Leistungsträger, Außenseiter)?
  • Wie gehe ich heute mit Nähe und Distanz in Beziehungen um?
  • Gibt es Freundschaften oder Partnerschaften, die mich nachhaltig geprägt oder verletzt haben?
  • Inwiefern fühle ich mich sozial eingebunden oder einsam?


Kulturell: Umfeld

Beispiele: Menschenbilder (z.B. Homo Economicus), Rollenbilder,   Werte-Hierarchien, kollektive Narrative.

Fragen: 

  • Welche Werte wurden mir vermittelt, und inwiefern passen sie zu meinem heutigen Leben?
  • Welche kulturellen oder gesellschaftlichen Erwartungen haben mich geprägt (z. B. Leistung, Gehorsam, Männlichkeits- oder Weiblichkeitsnormen)?
  • Wie gehe ich mit Differenzen zwischen meiner Herkunftskultur und meiner aktuellen Lebenswelt um?
  • Welche Bedeutung haben Bildung, Status oder materielle Sicherheit für mein Selbstwertgefühl?


Spirituell: Geistige Dimension

Beispiele: Haltungen, Tugendhaftigkeit, Spiritualität, Gebet, Meditation, Gemeinschaftsdienst.

Fragen: 

  • Was gibt meinem Leben Bedeutung, jenseits von Arbeit und Erfolg?
  • Inwiefern fühle ich mich mit etwas Größerem (Gott, Menschheit, Natur, Prinzipien) verbunden?
  • Welche Haltung habe ich zu Tugenden wie Geduld, Mut, Vergebung oder Demut?
  • Wann habe ich das letzte Mal tiefen inneren Frieden oder Dankbarkeit gespürt?
  • Welche Rolle spielt Dienst am Gemeinwohl in meinem Leben?


Behavioral: Verhalten

Beispiele: Gewohnheiten (Habits), Lifestyle, Suchtmittelkonsum, Bewältigungsstrategien (Coping).

Fragen: 

  • Welche Gewohnheiten fördern mein Wohlbefinden – und welche schwächen mich?
  • Wie gehe ich mit Konsumverhalten (z. B. Essen, Medien, Substanzen, Arbeit) um?
  • Habe ich Routinen, die mich stabilisieren, oder neige ich zu Extremen?
  • Wie gestalte ich meinen Alltag in Bezug auf Bewegung, Schlaf, Ernährung, Pausen?


Strukturell: Gegebenheiten

Beispiele: Ökonomische Bedingungen, politische   Stabilität, Infrastruktur, Zugang zu Bildung/Natur, Gesetze.

Fragen: 

  • In welchem Umfeld lebe ich – fördert es Ruhe, Entwicklung, Zugehörigkeit?
  • Habe ich Zugang zu stabilen Lebensbedingungen (Wohnraum, Arbeit, medizinische Versorgung)
  • Wie stark beeinflussen äußere Faktoren wie Politik, Wirtschaft oder Umwelt mein Sicherheitsgefühl?
  • Welche Räume (Natur, Stadt, digitale Welt) nähren mich, welche erschöpfen mich?
  • Wie wirken sich gesellschaftliche oder strukturelle Ungleichheiten auf meine Lebensmöglichkeiten aus?

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Die Fähigkeiten-Triade: eine Visualisierung der Fähigkeitenkomponenten

Die Fähigkeiten-Triade bildet die Komponenten von Fähigkeiten ab und lässt sich sowohl in der Diagnostik als auch in der Therapie einsetzen. In der obigen Tabelle sind diese Komponenten am Beispiel der Beratungsfähigkeit exemplarisch aufgelistet. 


Diese Unterteilung ermöglicht es, Fähigkeitendefizite differenziert zu analysieren: Fehlt spezifisches Wissen, eine innere Haltung oder die praktische Anwendung? Wenn einer dieser drei Bereiche vernachlässigt wird, kann die Fähigkeit ihr volles Potenzial nicht ausschöpfen und verbleibt in einem unvollkommenen Zustand. Man könnte auch von reifen und unreifen Fähigkeitsausprägungen – oder, etwas archaischer formuliert, von einem „Himmel“ und einer „Hölle“ einer jeden Fähigkeit – sprechen. Dabei steht der „Himmel“ synonym für einen Zustand der Vervollkommnung, während die „Hölle“ einen Zustand des Mangels oder der Einseitigkeit beschreibt.


So kann beispielsweise Altruismus, die Fähigkeit, anderen selbstlos zu helfen, in einer unvollkommenen, unreifen Form zu zwanghafter Selbstschädigung und Grenzüberschreitungen führen. Durch die Integration hilfreicher Eigenschaften, Haltungen und Fertigkeiten kann sie jedoch zu ihrem „Himmel“ aufsteigen und einen Reifezustand erreichen, in dem die Unterstützung anderer freiwillig und gesund erfolgt. Ebenso kann die Fähigkeit, gerne Wissen zu teilen, auf einer unreifen Stufe als Besserwisserei in Erscheinung treten, während sie sich auf einer entwickelten Stufe zum Profil eines interessanten Gesprächspartners entfaltet.

Diese Unterscheidung ermöglicht, die eigene innere Haltung zu reflektieren und Ansatzpunkte für Veränderung abzuleiten. Sie bietet ein positiv formuliertes Zielbild für die Entwicklung von Eigenschaften und vermeidet zugleich eine rein defizitorientierte Verurteilung: Anstatt ein Verhalten abwertend zu bewerten („Du bist immer so besserwisserisch!“), wird es als noch unausgereifte Form einer grundsätzlich wertvollen Fähigkeit gerahmt („Ich habe die Eigenschaften der Nächstenliebe, Mut und Wissbegierde in mir und muss lernen, sie hilfreich einzusetzen.“). Die therapeutische Arbeit fokussiert dann folgende Frage: „Welche Eigenschaften, Haltungen, Annahmen und Fertigkeiten brauche ich, damit diese Fähigkeit ihre Vollendung finden kann?“

Darüber hinaus lässt sich mit diesem Modell klären, ob tatsächlich ein Fähigkeitsdefizit vorliegt oder ob Konflikte daraus resultieren, dass das Umfeld andere Ausprägungen innerhalb der Komponenten aufweist. Hierfür können, etwa in Paar-, Familien- oder kultursensiblen Settings, die Unterschiede in den Ausprägungen tabellarisch gegenübergestellt und veranschaulicht werden – beispielsweise um sichtbar zu machen, dass ein Partner ein gänzlich anderes Konzept von „Beratung“ verfolgt als der andere (Tab. XXX).

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Privatpraxis für Psychotherapie Halle (Saale)

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